Ein Reif von Eisen. Stephan M. Rother.


Erst die Ankündigung der Königschroniken in Social Media. Dann die Bloggerpremiere auf der #fbm17. Und am 20.10. das Hörbuch „Ein Reif von Eisen“. Endlich. Wenn man über ein Buch, oder vielmehr einen Auftaktband, so viel gehört hat, sind die Erwartungen natürlich entsprechend. Zumal es sich um Fantasy eines deutschen Autors handelt, und deutsche Phantastik nicht jedermanns Sache ist … Sollte es in diesem Fall aber sein. Rothers „Ein Reif von Eisen“ hält viele angenehme Überraschungen für Fantasy-Fans bereit.

Rother entführt seine Leser ins Reich der Esche. Die Rabenstadt, Sitz des Kaisers, befindet sich auf einem uralten, gewaltigen Eschenbaum. Doch dessen Blätter welken, die alten Götter zürnen. Ein Zeitenwechsel kündigt sich an. Die Völker des Kaiserreiches sind in Aufruhr. Drei Frauen stehen im Mittelpunkt. Sölva, die Tochter des Morwa. Der Hetmann ist Träger des Reifs von Eisen. Er will die Stämme des Nordens einen und das alte Königreich neu auferstehen lassen. Doch der Anführer ist krank und verdankt sein Leben der zweiten imposanten Frau. Die undurchsichtige Ildris stammt aus den Südlanden, verfügt über geheime Kräfte und begleitet den Hetmann. Und es gibt Leyken, deren Volk überfallen und getötet wurde. Jetzt ist sie auf der Suche nach ihrer Schwester und will sie in der Rabenstadt finden. Leyken trägt den furchtbaren Eid ihrer Familie mit sich. Wie die Schicksale der Frauen verwoben sind, zeigt sich erst nach und nach. Das Buch endet mit einem tollen Cliffhanger.

Mit diesen drei Frauen und weiteren Protagonisten zeichnet Rother ein äußerst farbenprächtiges Bild seiner ganz neuen, phantastischen Welt. Die Geschichte packt einen von der ersten Seite an. Grund dafür ist neben spannendem Storytelling die Sprache. „Ein Reif von Eisen“ präsentiert sich mit ganz eigenen Begriffen (Hetmann, Kebsweib, Eiserne …), die es dem Leser leicht machen, in diese Welt ein- und darin abzutauchen. Gleichzeitig fördert der Autor Schätze der deutschen Sprache zutage. Sie scheinen uns aus vergangenen Zeiten vertraut, klingen aber richtig und niemals altertümlich. Ein Beispiel ist das schöne „verschossene“ Kleid, das eine der Hauptdarstellerinnen trägt. Die Sätze sind oft kurz und das Stakkato kommt gerade im Hörbuch besonders gut. Insgesamt erscheint die ganze Geschichte wie ein großer durchdachter Text, bei dem jedes Wort für sich einzeln gewählt und an genau den richtigen Platz gestellt wurde.

Apropos „durchdacht“: Nicht immer versteht man, wovon gerade die Rede ist. Und manche Bezüge, auch wenn sie wiederholt werden, offenbaren sich nicht umgehend. Doch das liegt zum einen in der Natur der Sache: Eine auf vier Bände angelegte Geschichte muss Spannung aufbauen. Zum anderen gehört auch das zum Lese- oder Hörvergnügen. Es macht Spaß, wenn sich zum Beispiel die Charaktere langsam entwickeln und Rätsel nach und nach gelöst werden. Wer sich mit Neugier und etwas Geduld in Rothers Welt begibt, wird reich belohnt.

“Nur” ein GOT Look-alike?

Die Königschroniken werden in den Medien gerne mit Game of Thrones verglichen. Etwa in der Bildzeitung oder bei Focus online. Ein tolles Kompliment. Hebt es die Tetralogie doch auf eine Stufe mit dem überaus erfolgreichen Stück Popkultur aus der Feder von Georg R.R. Martin. Diese Sicht hilft bei der Einordnung der Königschroniken, gerade für Leser/Hörer die das Fantasy-Genre wenig kennen. Schließlich ist GOT nur ein Schaumkrönchen auf dem Ozean phantastischer Sagen, Erzählstoffe und Geschichten.

Schaut man auf phantastische Geschichten des 20. Jahrhunderts, so finden sich Werke, die den Boden für den Erfolg „moderner“ Phantastik bereitet haben. Natürlich Tolkiens Herr der Ringe. Aber auch Geschichten des früh verstorbene Robert E. Howard (1906-1936). Er ließ Conan den Cimmerier über die Ebenen Hyperboreas wandern und zum König aufsteigen. Hyperborea ist ein sagenhafter Ur-Kontinent in dem Magier und Zauberer genauso ihr Unwesen trieben, wie gewalttätige Kriegerfürsten und fremdartige Götter. Weithin bekannt wurde Howards Held erst durch die Verfilmungen in den 1980er Jahren mit Arnold Schwarzenegger. Die ebenfalls von Howard erdachte Rote Sonja, kämpfte sich in den 1980ern als eine der ersten weiblichen Fantasy-Heldinnen über die Leinwand. Oder man denkt an Gor, die Gegenerde, von Autor John Norman. Eine sagenhafte Welt, auf der unterschiedliche Völker in lange, erbitterte Kämpfe verstrickt sind und das Verhältnis zwischen Mann und Frau ein Dauerthema ist (leider recht sexistisch). Humorvoll geht es zu in Terry Pratchetts Scheibenwelt. Ein sarkastischer Ort, an dem sich vielleicht auch der ein oder andere Charakter aus „Ein Reif von Eisen“, wie Pol, eine Zeit lang wohl fühlen könnte.

Diese Autoren und ihre Bücher sind nur einige Beispiele für Stoffe, die den Boden für den breiten Publikumserfolg von Fantasy bereitet haben. GOT hat davon profitiert. Und auch die Königschroniken. Jedoch unterscheiden sich letztere noch einmal von vielen anderen phantastischen Geschichten. Wie Stephan M. Rother angab, ließ er sich von der bekannten Kyffhäuser-Saga inspirieren. So verschafft er seinem epischen Werk eine wohltuende Erdung. Insofern ist der Vergleich zu GOT hilfreich. Rothers Reich der Esche sollte aber in seiner kompletten Eigenständigkeit wahrgenommen werden. Schon, weil sie zu faszinieren weiß, ohne, dass ständig Blut fließt.

Alles in allem ist „Ein Reif von Eisen“ ein fesselndes Hörbuch. Dies liegt auch am Sprecher. Volker Niederfahrenhorst hält sich angenehm zurück und lässt der Geschichte mit ihren vielen Figuren ausreichend Raum. Er liest vor statt vorzuspielen, und das ist gut so. Dass Autor Rother „seinem“ Sprecher Hilfestellungen bei der Aussprache von Namen gegeben hat, kommt dem Output vermutlich ebenfalls zugute. More to come Anfang 2018.

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