Clue Writing Challenge 6: Schreibende. Sven van Kagen.


Zum Ende des Ostersonntags, gleichzeitig der 1. April, etwas ganz Neues auf diesem Blog: Ein Beitrag zur 6. Cluewriting Challenge. Die Aufgabe war, eine Kurzgeschichte passend zum Bild unten zu verfassen. Sven van Kagen hat mitgemacht und im Idealfall gibt es bald die Audioversion exklusiv hier bei den hoerbuchtipps. (Bildquelle: http://www.cluewriting.de/cwc6/)CWC 6

Schreibende.

„Was macht das Mädchen da?“, Jennys Ohmpa schmunzelte. „Sie schreibt“. „Schreibt“, widerholte Jenny. Sie sprach das Wort sorgfältig nach.

„Das Mädchen macht kleine Zeichen auf Papier, mit denen sie ihre Gedanken festhält.“

„Warum?“ Jennys große blaue Augen blickten verwirrt und Ohmpa musste lächeln.

„Weil sie sich später daran erinnern will. Vielleicht hat sie gerade eine tolle Idee, denkt an einen schönen Traum oder sie will nicht vergessen, was sie noch für ihre Mutter einkaufen muss. Schreiben hilft, die Gedanken zu sammeln.“

„Hm“, Jenny rieb sich die Nase und wollte ganz kurz den Daumen ihrer linken Hand in den Mund stecken. Das half ihr, wenn sie selbst nachdenken musste. Da fiel ihr ein, dass sie nächste Woche elf wurde und Mädchen in diesem Alter nicht mehr am Daumen lutschten. So wanderte ihre Hand zu einer kleinen Haarsträhne, die sie mit Daumen und Zeigefinger hin und her drehte. Sie schaute wieder zu dem Mädchen auf dem künstlichen Baumstamm.

„Man schreibt einen Text auf, um ihn später zu lesen und sich an den Inhalt zu erinnern. Oder man bringt eine Geschichte zu Papier, die andere unterhält,“, sagte der Ohmpa.

Jenny gluckste. Sie schüttelte den Kopf. „Wofür das denn, Ohmpa? Einkaufen tut der Kühlschrank ganz alleine. Für Träume hat man ein Abo und kann immer wieder träumen, was man möchte. Und wenn ich Unterhaltung will, dann sage ich das meinem Elgo und bekomme eine Story als Soforterinnerung implantiert.“

Der Ohmpa seufzte. Die Elgos. Immer die Elgos. Sie hatten alles verändert. Zuletzt auch die Kinder.

„In meiner Jugend hat jeder geschrieben“, sagte er zu Jenny.

„War das vor der Revolution?“, fragte sie.

Vor der Revolution, die keine war, dachte Ohmpa. Die Revolution, die so schleichend verlief, unbemerkt. Aber die Kinder heute wussten davon. Kein Wunder. Die Elgos erzogen sie. Die Elgos, die früher Algos hießen. Und davor Algorithmen. So hatte Ohmpa sie kennen gelernt. Oder besser: von ihnen gehört. In seiner Jugend waren Algorithmen genutzt worden, um die Ergebnisse von Suchmaschinen zu steuern. Algorithmen waren nützlich gewesen, so erinnerte er sich. Sie hatten den Menschen ihre Arbeit erleichtert.

Und jetzt lassen sie uns für sich arbeiten, dachte Ohmpa grimmig.

„Ja, das war vor langer Zeit.“ sagte er zu Jenny. „Wir schrieben alle. Wir hatten Stifte, Notizbücher aus Papier, Computer mit Tasten, oder kleine Screens auf denen man mit den Fingern tippen konnte. Man schrieb sich Briefe, Postkarten, E-Mails, SMS. Privat oder bei der Arbeit. Menschen, die besonders gut schreiben konnten, dachten sich Geschichten aus. Und diese Geschichten lasen andere Menschen. Sie freuten sich darüber, liebten die Spannung und Anregung in den Geschichten. Die beliebtesten wurden in Büchern veröffentlicht und wieder und wieder von den Menschen gelesen.“

Jenny lachte. „Ein und dieselbe Story für alle? Da ist es jetzt besser. Mein Elgo hat Stories extra für mich.“

Der Ohmpa wusste das. Und er wusste, dass niemand mehr Geschichten schrieb. Die Elgos hatten das übernommen. Aus allen Geschichten, die es bis vor zehn Jahren gab, bauten sie neue Stories für die Kinder. Aber nicht irgendwelche Stories. Nein, es waren schließlich Elgos. Ganz persönliche Algorithmen, die die für ein Kind speziell zusammengebaute Geschichten … erfanden. Das war nicht das richtige Wort. Die Elgos kombinierten bereits vorhandene Gedanken neu. Die Elgos erschufen nicht, sie verwalteten lediglich Ideen, die es schon gab. Damit befriedigten sie die Vorlieben jedes einzelnen Kindes. Die Vorliebe nach Spannung, nach Fantasy oder wonach auch immer. Die Elgos erzeugten, ja, das war ein gutes Wort, sie erzeugten Plots, die den Kindern gefielen. Immer, ohne Ausnahme. Doch das war das Ende der Kreativität, des Schreibens. Schreibende.

„Früher machten das Menschen.“ sagte er zu Jenny. „Man nannte sie Autoren. Kreative Leute, die neue Ideen hatten für ihre Geschichten. Nicht wie die Elgos, die selbst nichts erschaffen …“

„Ohmpa!“, Jenny brüllte fast. „Sag so was nicht. Die Elgos wissen viel besser was ich mag. Woran ich Spaß habe. Viel besser als deine, deine … Autoren“, sie sprach das letzte Wort aus, als wäre es etwas Schmutziges und schluchzte. „Das werte ich.“ sagte sie leise. Mehr zu sich.

Der Ohmpa sah erschrocken zu ihr. „Na, komm, beruhige dich. Du hast ja recht, die Elgos sorgen gut für dich und die anderen Kinder“. Er war überrascht, wie ruhig seine Stimme klang.

Sein Blick fiel auf das Mädchen mit dem Stift und dem Notizbuch. Er seufzte. Natürlich, sie war nicht echt. Nur ein Hologramm. Nichts war hier echt. In diesem“ Vor-der-Revolution-Museum“, das er heute mit Jenny besuchte. Besuchen musste. Weil sie es wünschten. Er blickte auf die Uhr. Nur noch fünf Minuten, dann waren die zwei Stunden um. Zwei Stunden in denen er mit einem fremden Kind Zeit verbringen sollte. Zeit verbringen, wie früher mit einer Tochter oder Enkelin. Die Elgos testeten, ob solche Zeit günstig für die Entwicklung der Kinder war. Falls nicht …

Den Ohmpa schauderte. Es gab schon jetzt kaum noch Menschen in seinem Alter. Und wenn Jenny ihn negativ wertete … Zwei schlechte Bewertungen hatte er schon. Ab drei wurde es gefährlich. Eine hatte ihm ein Junge namens Jonas nach einem Kirmesbesuch gegeben. Die andere ein Mädchen nach einem Kinofilm. Sie hatte geweint, weil sie unbedingt ihre Elgo-Version von Schneewittchen sehen wollte, in der die dunkle Königin am Schluss den Prinzen heiratete. Doch die Original-Version von Walt Disney hatte die klassische Schneewittchen-Geschichte erzählt. Ohmpa hatte sie gefallen und dem Mädchen gesagt, dass diese Story doch wunderschön sei. Das hatte ihm die zweite schlechte Bewertung eingebracht. Und jetzt das.

Wieder blickte er auf die Uhr. Seine Zeit mit Jenny ging zu Ende. Gleich würde ein autonomes Fahrzeug sie abholen und nach Hause bringen. Wo auch immer das war.

„So“, sagte er und drehte sich zu dem Mädchen. „Das war unser kleiner Ausflug in die Vergangenheit. Ich hoffe, du hattest Spaß.“

„Ja, war ganz okay“, murmelte Jenny. Sehnsüchtig blickte sie die Straße hinunter. Offensichtlich konnte sie das Ende des Treffens nicht erwarten.

„Da kommt schon dein Fahrzeug“, sagte Ohmpa. Eine silberne Röhre schwebte geräuschlos heran. Die LED-Anzeige an der Seite zeigte eine Schrift: „Hallo, Jenny“. „Hallo“, sagte sie zu dem Fahrzeug. „Tschüss, Ohmpa“, rief sie dem Mann noch zu, der ihr beim Einsteigen half und dann dem Fahrzeug nachwinkte.

Jenny saß im Fahrzeug. Ein Glas mit ihrer Lieblingslimo stand bereit. Es lief Musik, die sie besonders mochte. Der Bildschirm vor ihrem Sitz präsentierte ihr ein Bild des Ohmpas, den sie gerade getroffen hatte. Neben seinem Gesicht gab es verschiedene Symbole. Ohne zu zögern drückte sie den Daumen, der nach unten wies. Dann ein Comic-Icon, das über zwei kleinen gekreuzten Knochen einen schwarzen Smily mit hängenden Mundwinkeln zeigte.

„Danke für deine Wertung, Jenny“, sagte ihr Elgo. „Damit können wir dein Leben und das anderer Kinder verbessern. Noch eine Zitronen-Maracujalimo?“ Jenny nickte und lächelte seelig.

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