Die Kunst des Verlierens.


(Heute mal keine Hörbuchbesprechung. Die niedrige Beitragsfrequenz auf dem Blog liegt daran, dass ich zur Zeit oft GOT höre. Einen Teil dieses Riesenwerkes hatte ich schon mal besprochen und über weitere Teile zu berichten, scheint mir nicht sinnvoll. Demnächst kommt aber die Besprechung zu Amerikanisches Idyll von Philip Roth.)

Gestern war es fast soweit. Deutschland stand ganz dicht vor dem WM-Aus in der Vorrunde. Das Undenkbare sozusagen für viele Fußball-Kenner und -Fans. Der Abend, den ich auf einer Grillparty verbrachte und natürlich lief ein Beamer, der das Spiel zeigte, erinnerte mich an eines der wenigen frühen Ausscheiden der deutschen Mannschaft.

Es war 1994. Viertelfinale bei der WM in den USA. Deutschland gegen Bulgarien. Wir schauten das Spiel in einer unserer damaligen Lieblingskneipen (die inzwischen einem Einkaufszentrum weichen musste). Es ging wild zu in diesen Studientagen. Die Kneipe war drinnen wie draußen überfüllt und die Jungs hinterm Tresen zapften Bier im Akkord, die Kaffeemaschine lief non-stop. Bomben-Stimmung am Anfang, das Spiel der deutschen Mannschaft sollte die hohen Erwartungen aber nicht erfüllen. Dabei war man doch Weltmeister! Teamchef Franz Beckenbauer (für die Jüngeren: das war so eine Art Christiano Ronaldo der 1970er, späterer Spitzname „Lichtgestalt“) hatte uns als Teamchef 1990 den Titel in Rom geschenkt. Die deutsche Mannschaft war hochkarätig besetzt, man sprach von einer der besten deutschen Mannschaften „ever“ (ne, das sagte damals noch niemand so, meinte es aber.) Klinsmann, Matthäus, Hessler, Völler, Effenberg, Sammer … Jedenfalls lief das Spiel nicht gut. Lothar Matthäus konnte zwar einen Elfer in der 49. Minute verwandeln. Dann aber kamen die „Kovs“. Zuerst Stoitchkov in der 76. und dann Letchkov in der 79. Und es hatte „Bum“ gemacht. Zwei Mal. In vier Minuten war das Spiel gedreht und Deutschland verlor.

Das Spannende im Nachhinein war, was in unserer Kneipe geschah. Nach Bangen und Beben und viel Geschrei kam der Schlusspfiff. Entsetzen. Und dann lähmende Stille. Ich saß im Gedränge an der Bar, nahe am TV-Gerät. Leise sagte ich zum Barkeeper, der wie alle fassungslos auf den Bildschirm starrte, wo ein Reporter gerade versuchte einen ersten O-Tom einzufangen, „Mach das aus.“ Er drückte erst den Knopf des Fernsehers, dann den der Musikanlage, eine der üblichen CDs lief. Und schlagartig fingen alle an zu reden. Das Seltsame: Niemand sprach von Fußball. Von dem Spiel, von der Enttäuschung. Alle redeten über irgendetwas. Ich weiß nicht mehr wovon ich sprach. Aber ich weiß noch, dass es den ganzen Rest des Abends und der Nacht so blieb. Kein Mensch redete über dieses Spiel, das 1:2 gegen Bulgarien verloren ging. Alle taten, als wäre gar nicht Weltmeisterschaft und diese Niederlage hätte es nie gegeben …

Gans schön strange. Und ich hoffe, dass es heute anders wäre. Verlieren ist eben nicht einfach. Aber zum Glück ist Deutschland ja noch im Turnier und wer weiß, vielleicht klappt es ja doch noch mit einem Platz unter den letzten Vier!

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